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Ich erlebte meine Kindheit als sehr einschränkend, weil mein Vater daheim ein über alle Massen strenges Regiment führte. Da galt eben nur eine Meinung; und zwar die meines Vaters. Es gab nur etwas, das man zu tun hatte - nämlich das, was mein Vater wollte. Ich hatte als Kind regelrecht Angst, mich gegen seine Meinung aufzulehnen. Auch dann, wenn ich absolut im Recht war, denn seine Wutausbrüche und Schläge waren gefürchtet und schüchterten meinen Bruder und mich richtiggehend ein. Gegen meinen Vater fühlte ich mich völlig machtlos. Dennoch: Wenn er meinen um vier Jahre jüngeren Bruder jeweils ungerechterweise bestrafte, wehrte ich mich für ihn so gut ich konnte. Je älter ich wurde, desto mehr staute sich in mir eine ungemeine Wut gegen all die Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen auf, die mein Vater mit seinem rücksichtslosen Verhalten an den Tag legte. Dieses dauernde „mich Unterordnen" hatte für mich nämlich auch in der Öffentlichkeit Konsequenzen. Es verfolgte mich sowohl in der Schule als auch noch eine ganze Weile im Erwachsenenalter. Schnell hatte ich unter Leuten das Gefühl, mein Gegenüber sei eine Autoritätsperson, der ich mich unterzuordnen hatte. Zum Beispiel dann, wenn jemand mir gegenüber sehr selbstsicher und wenn möglich noch mit lautem und bestimmtem Ton auftrat. Automatisch reagierte ich in so einem Fall wie früher, ordnete mich unter und traute mich nicht, meine Meinung kund zu tun oder mich für etwas Lohnenswertes mit Tat und Kraft einzusetzen. Eigentlich schade, denn eine eigene Meinung und jede Menge Ideen hatte ich damals schon, nur blieb meist alles unausgesprochen. Ich war überzeugt, dass ich eh nichts zu sagen hatte und es eh niemanden interessieren würde. Auf der anderen Seite erlebte ich jedoch, wie locker andere mit Autoritätspersonen umgehen konnten. Das stimmte mich je länger je mehr enorm traurig und machte mich auch wütend. Mir wurde immer bewusster, dass sich an meiner Situation nur was ändert, wenn ich beginne, hart an mir zu arbeiten; und zwar so lange, bis ich offen und unbekümmert sagen konnte was Sache war. Das alte Muster loszulassen ging aber nicht von heute auf morgen und ich brauchte viele Jahre, bis ich gelernt hatte, dass auch ich einen eigenen Willen und eine eigene Meinung haben und vor allem, diese ohne Angst gegenüber jedermann vertreten darf. Auf dem Weg dorthin haben mir vor allem diverse Kurse in Kinesiologie ganz entscheidend geholfen. Heute habe ich zwei schon fast erwachsene Mädchen, bei denen ich in der Erziehung von Anfang an sehr darauf achtete, dass sie stets ihre eigene Meinung äussern durften, damit sie sich als eigenständige Persönlichkeiten entwickeln können und es als junge Erwachsene einmal leichter haben, sich durchzusetzen, als ich es hatte.

Uschi, 2.8.1960, 16:25 in Bauma