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Sonne, Venus, Merkur und Neptun im Skorpion

Aus dem Berichtsheft einer Skorpionin - Nature Boy



Er rannte förmlich in mein Leben und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich viele meiner Erfahrungen schon gemacht hatte und dabei war, mich in Liebesdingen ein wenig auszuruhen. Es ging mir gut und ich genoss mein Leben inmitten meiner männlichen Kollegen, ohne mich einsam zu fühlen. Meine innere Quelle hatte sich seit langem regeneriert und ich genoss von Zeit zu Zeit ein Spiel, ohne jedoch ernsthaft bedürftig zu sein.

Ich hatte wohl von ihm gehört, mich aber nicht besonders interessiert. Er fiel in anderen Abteilungen auf, durch seine selbstgefällige Art. Er lachte viel und erzählte in der breiten Mundart seines Ursprungsortes von seinen sportlichen Aktivitäten. Er kam aus den Bergen; von ganz oben; ein Steinbock mit Löwe-Aszendent. Er konnte Skilaufen und Snowboard fahren, er konnte wandern und klettern und er konnte singen: Laut, voller Freude und falsch.

Seile, Bergstiefel und Ausrüstungen hatte er zur Genüge - Sakkos und elegante Herrenbekleidung schon weniger und das war es, was mir auffiel. Er kam in mein Büro, einige Zeit nach dem sein wilder Ruf mir bereits die Tür eingetreten hatte. Er trug seine abgesetzte Jacke, die irgendwann einmal hell gewesen war, zu einem unmodischem Hemd darunter und durch die Enge seiner Anzughose war deutlich die Kraft seiner Beine wahrzunehmen. Was in aller Welt hatte dieser Naturbursche in diesem Konzern und in meinem Büro zu suchen? Ich fasste es nicht und war amüsiert.

Schon möglich, dass mir sein Interesse nicht entging … aber das bedeutete zu dieser Zeit nichts für mich. Ich war nicht interessiert …

Die Zeit verging und ganz andere Männerbeine liefen durch mein Leben und traten mit schwer bestiefelten Füßen an mein Herz. An den „natur boy“ dachte ich nicht.

Der juristische Großkonzern in dem ich tätig war, der ein weltweites Juristennetz gesponnen hatte und eine Unmenge von Fachkräften unter seinem Dach vereinigte, konnte es sich leisten, jährlich an Weihnachten eine große Feier für alle Mitarbeiter europaweit zu veranstalten; das Geschäft mit dem Streit blühte und es ging der Firma gut. So saß ich also an irgendeinem Weihnachten im Flugzeug und flog wieder einmal einer kitschigen und nicht nur deshalb von mir nicht besonders ersehnten Firmenweihnachtsfeier entgegen. Diesmal wurde die Party von der süddeutschen Niederlassung des Konzerns übernommen und als meine Maschine landete, fielen bereits dicke Schneeflocken, die dem Klischee der bevorstehenden Feiertage so nahe kamen, dass ich mich der knisternden Stimmung nicht entziehen konnte.

Überraschenderweise war alles ganz anders als erwartet und ich traf im dortigen Büro eine Horde junger und ausgelassen tanzender Menschen, die es sich nicht hatten nehmen lassen, die Party direkt im Büro stattfinden zu lassen. Keine förmliche Begrüßung und langweilige Ansprache in irgendeinem Lokal, sondern bunt geschmückte Büroräume, weggeschlossene Akten, laute Popmusik und ein riesiger Weihnachtsbaum mitten auf dem Flur! Ich war auf das Äußerste erfreut.

So ließ ich mich fallen in das Getummel von bekannten und unbekannten Menschen, führte anregende Gespräche und tanzte wie seit langem nicht mehr.

Mein direkter Vorgesetzter und ich hatten seit Beginn unserer Zwangszusammenarbeit ein gespanntes Verhältnis. Seine unentschlossene Waage-Sonne - nur mäßig angeheizt von einem Königs-Aszendenten - fühlte sich provoziert und gereizt von meiner Art. Mir war es einfach nicht möglich, ihm in der für ihn annehmbaren unverbindlichen und gleichermaßen unterwürfigen Haltung entgegenzutreten. Ich litt unter dieser Spannung und wurde mehrfach gewahr, dass auch er es sich nicht leicht machte. An irgend einer „after-five“-Veranstaltung waren wir uns dann darüber einig geworden, dass wir an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit, vor allem aber zu anderen Bekanntschaftsbedingungen, wohl gut miteinander ausgekommen wären, allein die Tatsache, dass der Zweck unserer Bekanntschaft die gemeinsame Arbeit war, machte es unmöglich, dass wir uns anfreunden konnten. Seit dieser einvernehmlichen Erkenntnis hatte sich unsere Lage etwas entspannt und wir bemühten uns, nur das Wesentliche auszutauschen. Eben dieser bislang verhinderte Souverän war es nun, der sich an diesem Abend besonders um mich bemühte. Mir wurden mit charmantem Lächeln Getränke und Leckereien des imposanten Buffets von ihm hergeschleppt. Laute Witze lösten liebevolle Blicke ab und ich ließ mich dazu hinreißen, ihm in einer Fensternische mein Lieblingslied vorzusingen. Kurzum: Eine wundervolle und kurzweilige Nacht war in bestem Gange.

Der bergsteigende Steinbock war natürlich gleichfalls auf dem Fest. Wir hatten uns inmitten einer Kollegenschar begrüßt und ich war ihm ein-, zweimal auf der Tanzfläche begegnet. Irgendwann später, als mein Gesicht bereits von Tanz und Wein gerötet war und ich mich selig fühlte in der Erkenntnis, letzten Endes doch noch einen Weg in das endlich löwebrüllende Herz meines Chefs gefunden zu haben, war er plötzlich neben mir und zog mich ohne ein Wort zu verlieren mit sich fort in ein unbenutztes Büro. Ich lachte und versuchte, mich seinen Umarmungen, die so urgewaltig und plötzlich über mich hereinbrachen, zu entziehen. Was wollte dieser Naturbursche von mir? Ich konnte ihn gar nicht ernst nehmen. Er packte mich mit einer Gewalt, die ich nicht oft bei Männern erlebt habe. Pure Kraft und vollkommen entschossener Wille. Blitzschnell wurde ich wach und griff ihm voller Wucht an seine aufsehenerregendste Stelle! Er zuckte zurück und diesen Moment nutze ich, um lachend und in Windeseile den Raum zu verlassen.

Mein Chef hatte die Party offenbar bereits verlassen und auch sonst hatte sich die Schar der Gäste deutlich verringert. Ich griff mir den nächsten Besten und bat darum, mir beim Ruf einer Taxe behilflich zu sein. Weihnachtszeit; Weihnachtsfeierzeit und Schneegestöber in ganz Bayern … die Taxen ließen auf sich warten. Zusammen mit Anderen gleichen Sinnes stand ich verloren und ernüchtert im Hausflur des Gebäudes und wartete.

Der Wilde kam lächelnd die Treppe herunter. Trotz der eisigen Winternachtkälte immer noch nur mit diesem scheinbar einzigen Sakko über Hemd und Hose bekleidet. Seine Hand schummelte sich in meine Manteltasche und dann zog er mich zart an seinen massigen Körper. Die anderen Kollegen schauten und grinsten. Ich wurde verlegen und kicherte etwas zu laut. Woher nahm dieser „natur boy“ nur dieses Selbstbewusstsein? Hin- und hergerissen zwischen Empörung und Lust folgte ich ihm schließlich zu seinem Privatauto und ließ mich von ihm zum Hotel fahren.

Das kannte ich noch nicht. So hatte sich noch keiner benommen! Benehmen. Nehmen. Mich einfach nehmen? Ja, das war es. Er war jünger als ich und deutlich falsch am Platze und dennoch erdreisstete er sich, mir nichts dir nichts, sich einfach zu nehmen, was ihm gefiel; und das war in diesem Moment ich. Vorsicht schien geboten …

Sein Kuss brannte heiß auf meinen Lippen und andernorts, doch ich zog mich zurück. Schaffte mich aus seinen Umarmungen und verließ ihn. Ließ ihn regelrecht stehen und entkam!

Die Zeit verging, die Frühjahrssonne ließ Manches schmelzen und ich wähnte mich in Sicherheit.

Der Sommer kam, die Ehefrau meiner vorgesetzten Waage bekam von ihm ein Kind (offenbar war das Löwegebrüll der Firmenfeier bis nach hause gedrungen) und ich erlebte mit einem netten Landmann einige Abende unter Lampignonbäumen und auf Holzbänken, die mir den Alltag versüßten.

Dann kam der Herbst und ich erwachte wieder zu neuem Leben: Skorpionisch.

Und schließlich war das Jahr herum und die Kollegen aus vielen Städten des Landes kamen in unsere Niederlassung des Konzerns. Wieder war es klirrend kalt draußen. Doch diesmal saßen wir unromantisch, wie die außen stattfindende Schneelosigkeit, hübsch aufgereiht und gar nicht ausgelassen auf kostbaren Möbeln im überzogenen Ambiente eines bekannten Lokals. Und dann war er wieder da, der Steine erkletternde Bock aus den Bergen, und als wäre nicht ein ganzes Jahr vergangen, ging ich ihm erneut auf den Hörnerleim.

Diesmal erlaubte ich mir, ihn genau zu betrachten und merkte, dass ihn mein Blick erröten ließ. Konnte es das geben? So ein Urgestein von Mann, dazu jovial und selbstgefällig und dennoch fähig, verlegen zu werden? Wir verschwanden sobald es ohne großes Aufsehen möglich war und nie werde ich die heisere Stimme an meinem Hals vergessen …. Das war sie, die Leidenschaft aus Romanen und Filmen! Die wilde Hingerissenheit, nach der sich Jede verzehrt! Ein Mann wie ein Sturm! Der brauchte keine Hände, mich zu entkleiden; der hatte Zähne …

Und dabei so unglaublich jung. So unbedarft. So unwissend im Leben. So gar nicht passend zu mir und zu dem, was ich wirklich wollte. Im Leben. Im Alltag. Ich wusste, dass ich ihn nie näher als jetzt an mich heranlassen würde und mir war klar, dass er davon keine Ahnung hatte.

Ich war für ihn „etwas Besonderes“ (mit zischendem S und rollendem R in Allgäuer Mundart). Meine Reife und von ihm wahrgenommene Erfahrung reizten ihn und er wollte so gerne etwas „haben“, das keiner hatte …

Wir trafen uns noch einmal. Er flog mir entgegen, dass es mich fast hinschlug und war so rührend natürlich, neugierig und wild … mit ihm kamen Wälder und Gipfel in mein Bett, das saftige Grün von Bergwiesen, der Duft von Sommerblumen; sogar das Plätschern von eiskalten Bächen … ich hörte ihn gern sprechen, mochte seine Fragen und schalt ihn wegen seiner Unwissenheiten in Bezug auf fast alle Bereiche des Lebens, außer … außer seiner Begabung für die natürlichen Dinge eben …

Er konnte nicht verstehen, dass es für uns beide kein „uns beide“ gab. Er wollte nicht begreifen, dass ich zu „mehr“ niemals bereit sein würde. Dass ich im Leben nicht „die Frau an seiner Seite“ sein wollte, nicht die Mutter seiner Kinder, nicht die Köchin an seinem Herd (so etwas äußerte er tatsächlich!) und er auf gar keinen Fall mir das sein könnte, was ein anderer längst war …

Das Ende war dann abgeschmackt. Er bäumte sich blöde auf in der einzigen Haltung, die er kannte: Sich seiner außergewöhnlichen Körperlichkeit bewusst. Mich in seine Arme reißend, sagte er so etwas Schreckliches, wie „du hast mich dir verdient!“ - Also nein! Das nun wirklich nicht! Begriff er denn so gar nichts von der Liebe? So etwas gab es doch gar nicht. Kein Mensch kann sich einen anderen „verdienen“ … Liebe ist und war schon immer ein Geschenk, das sich Menschen machen. Nichts anderes.

Ich muss zugeben, dass ich mich enttäuscht abwandte und ihn kurzerhand rausschmiss.

So hatte die Liebe in ihrer Gesetzmäßigkeit wieder einmal erneut ihr Gesicht gezeigt: Sie fliegt einfach fort, wenn die Liebenden sie nicht achten.

…. Gleichwohl … missen möchte ich die Erfahrung dieses wilden aneinander Herumgekraksel nicht.

Eine Skorpionin