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Astrologie lebensnah
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Die See ist unruhig. Weisse Schaumkronen tanzen im dämmrigen Licht.
Krachend brechen die Wellen an den Küstenfelsen. Das Wasser spritzt
hoch auf und fliesst rauschend und schäumend wieder zurück in die
unendliche See. Sie ist in Aufruhr. Die Nebelschwaden sind so dicht,
dass die Küstenbewohner nicht mehr sehen, wo das Meer aufhört und
der Himmel beginnt.
Von dort kommt Jasmin. Jasmin - geformt aus Meer, Nebel und Himmel.
Die See hat sie ausgespien und an Land geworfen, und nun ist sie im
Körper eines Kindes gefangen, eine zarte, sensible Seele mit der
Erinnerung, Wasser im unendlichen Meer zu sein. Zögernd nur fasst
sie Fuss als irdisches Wesen und lernt - wie jedes Kind - gehen und
sprechen. Das ist aber auch alles, was sie mit anderen Kindern
gemeinsam hat. Ach, wenn Jasmin doch nur sein könnte wie jedes Kind,
sie, die doch so gut weiss, wie es ist, ein Tropfen zu sein wie
jeder andere oder auch viele oder eine ganze Welle. Im Meer ist da
kein Unterschied. Aber im Körper eines Kindes kann Jasmin nicht sein
wie alle anderen. Sie muss lernen, „Ich" zu sagen. „Wer bist du?"
fragen die anderen, und „Wie heisst du?"
Noch unverstandener fühlt sich Jasmin, wenn sie fragen: „Was willst
du?" Jasmin hat keinen Willen, sie hat nur Sehnsucht nach dem Meer.
Sie träumt und malt und musiziert, spürt, wie es ihr gut tut und
anderen auch. Langsam formt sich ein leiser Wunsch zum Willen. Sie
verlangt nach Pinsel und Farben, einer Geige, Unterricht... Sie
lernt Lesen und Schreiben und eine Menge anderer Dinge. Wie eine
Blumenelfe tanzt sie auf leisen Sohlen ins Leben hinein, sorgsam
bedacht, ihr Gesicht hinter tausend Schleiern verborgen zu halten.
Wie alle Tropfen im Meer eins sind, so sind für Jasmin auch alle
Menschen eins. Wenn sie fremdes Leid sieht, schmerzt es sie, als
wäre es ihr eigenes, und sie möchte helfen. Dazu muss sie einen
weiteren Schritt in die materielle Welt hinein wagen: sie lernt
Krankenschwester und arbeitet im städtischen Krankenhaus. Ein Mann
liebt sie und heiratet sie. Sie ist ganz für ihn und die vier Kinder
da.
Manchmal fragt eine leise Stimme, wer denn Jasmin wirklich sei, die
gute Fee im Dorf, die Frau, der man seinen Kummer ausschütten kann,
die immer Zeit hat und verständnisvoll zuhört, die Frau, die so
wundervoll Geige spielt und Bilder von der See malt, die den Blick
auf sich ziehen und nur schwer wieder loslassen? Es ist auch die
Frau, die manchmal nicht mehr weiter weiss, nicht mehr leben will,
im Stillen weint und trinkt - ein Glas, drei, vier... - zuviel. Ihre
Seele kommt aus dem Wasser und dem Nebel, da ist es unvergleichlich
schwierig, diese Seele zu formen. Wie soll aus diesem Stoff ein
klarer Charakter und ein selbstbewusstes Ich entstehen? Jasmin weiss
es nicht. Aber sie weiss in ihrem tiefsten Innern, dass es ihr
gelingen wird, und sie vertraut auf ihr Gefühl und lässt sich vom
Leben an die richtigen Situationen herantragen. So war es mit dem
Krankenhausjob und mit ihrem Mann und mit vielem mehr. Man bittet
sie, einem Orchester beizutreten. Das nächste ist ein Angebot für
ihre Bilder. Sie finden in einer Ausstellung ihren Platz, dann in
einer nächsten und nächsten, jede ein bisschen grösser als die
vorherige. Die Nachfrage nach ihren Bildern steigt, und Jasmin wird
bekannt. Das ist ihr zwar unwichtig, doch sie ist dankbar für die
Möglichkeit, sich und ihre Sehnsucht nach dem Meer in Farben und
Formen ausdrücken zu können.
Sie fühlt sich erfüllt, das Leben scheint ihr wundervoll. Und als
sie schliesslich als weise alte Frau aus dem irdischen Dasein
scheidet, ist der Tod für sie ein Zurückkehren in ihr ursprüngliches
Reich. Sie bringt dem Meer das Wissen eines erfüllten Menschenlebens
mit, gibt es selbstlos an die wogende See zurück und wird wieder ein
Teil von ihr - der See, die im unendlichen Rhythmus der Natur Wellen
bildet und wieder vergehen lässt.
Anita Cortesi